Philosopie

Sinn ist unentrinnbar

[aus Soziale Systeme, stw, 1984 ]

Sinn verweist immer wieder auf Sinn und nie aus Sinnhaftem hinaus auf etwas anderes. Systeme, die an Sinn gebunden sind, können daher nicht sinnfrei erleben oder handeln... Sinn ist also eine unnegierbare, eine differenzlose Kategorie. Ihre Aufhebung wäre im strengsten Sinne "annihilatio" - und das wäre Sache einer undenkbaren externen Instanz.

"Sinnlosigkeit" kann deshalb nie durch Negation von Sinnhaftigkeit gewonnen werden. Sinnlosigkeit ist ein Spezialphänomen, es ist überhaupt nur im Bereich der Zeichen möglich und besteht in einer Verwirrung von Zeichen. Ein Durcheinanderbringen von Objekten ist niemals sinnlos, ein Trümmerhaufen zum Beispiel ist sofort als solcher erkennbar, und zumeist sieht man auch gleich mit, ob er auf Alter oder Erdbeben oder "Feindeinwirkung" zurückzuführen ist.

Mit dieser These universeller, selbstreferentieller Formbindung allen sinnhaften Prozessierens ist natürlich nicht gesagt, daß es außer Sinn nichts gibt. Das würde den systemtheoretischen Rahmenbedingungen der Analyse der Funktion von Sinn widersprechen, und das widerspräche auch direkt zugänglichen Erfahrungsgehalten, die in literarischen und philosophischen Traditionen mit Titeln wie Genuß, Faktizität, Existenz benannt worden sind. Nicht zuletzt wäre an die religiöse Erfahrung der Transzendenz zu erinnern. An die Stelle solcher Titel, deren Sinn das nicht decken kann, was sie meinen, könnte heute die Einsicht treten, daß die Genese und Reproduktion von Sinn einen Realitätsunterbau voraussetzt, der seine Zustände ständig wechselt. Sinn entzieht diesem Unterbau dann Differenzen (die als Differenzen nur Sinn haben), um differenz-orientierte Informationsverarbeitung zu ermöglichen. Allem Sinn ist dadurch temporalisierte Komplexität und Zwang zur laufenden Aktualitätsverlagerung aufgenötigt, ohne daß der Sinn selbst diesem Unterbau entsprechend vibriert. Die Vibrationen werden durch emergente selbstreferenzielle Systeme ausgeschaltet.  [S. 96-97]

... Sinn ist also basal instabil, nur so kann Realität für Zwecke emergenter Systembildung als Sinn behandelt werden. [S. 99]

Der allem Sinn immanente Weltbezug schließt es aus, daß wir Sinn als Zeichen definieren. Man muß Verweisungsstruktur und Zeichenstruktur sorgfältig unterscheiden. Die Funktion eines Zeichens erfordert immer Verweisung auf etwas Bestimmtes unter Ausschluß von Selbstreferenz. Es gibt, anders gesagt, weder ein Weltzeichen noch ein sich selbst bezeichnendes Zeichen. Beides, Universalität und Selbstreferenz, ist aber unabdingbare Eigenschaft von Sinn. Sinn ist daher der fundierende Sachverhalt: Ein Zeichen muß Sinn haben, um seine Funktion erfüllen zu können, aber Sinn ist kein Zeichen. Sinn bildet den Kontext aller Zeichenfestlegung, die condition sine qua non ihrer Asymmetrisierung, aber als Zeichen genommen würde Sinn nur als Zeichen für sich selbst, also als Zeichen für die Nichterfüllung der Funktion des Zeichens stehen können. [S. 107]

Eine Präferenz für Sinn gegen Welt, für Ordnung gegen Störung, für Information gegen Rauschen ist nur eine Präferenz. Sie macht das Gegenteil nicht entbehrlich. Insofern lebt der Sinnprozess von Störungen, nährt sich von Unordnung, läßt sich durch Rauschen tragen und erfordert für alle technisch präzisierten, schematisierten Operationen ein "ausgeschlossenes Drittes". [S. 123]

... selbstreferentielles Prozessieren von Sinn [erfordert] symbolische Generalisierungen. ... [S. 135]

Fragt man nämlich genauer, wie Sinn auf der Ebene selbstreferentieller Systemprozesse benutzt werden kann, dann stößt man auf ein Erfordernis, das man als Notwendigkeit der Selbstsymbolisierung oder der Selbstabstraktion bezeichnen könnte. Jede sinnhaft erfaßte Gegebenheit muß nicht nur im Moment voll präsent sein und damit Erleben bzw. Handeln "erfüllen" können; sie muß außerdem auch den Selbstbezug organisieren, also dafür Vorsorge treffen können, daß sie bei Bedarf wieder verfügbar sein kann, und dies in (mehr oder weniger) andersartigen Situationen, zu anderen Zeitpunkten, mit möglicherweise anderen Partnern sozialer Kommunikation. Dieses Wiederverfügbarsein wird über symbolische Generalisierungen in das konkrete Erleben und handeln eingearbeitet. ...

All dies ist schon auf der Ebene konkreter, bekannter Dinge und Ereignisse gesichert. Man erkennt am Geräusch, daß die Mülleimer geleert worden sind. Man geht heraus und kennt unter vielen Mülleimern den seinen sofort wieder, ohne daß es dazu eines Wortes, eines Namens oder gar eines Begriffs bedarf. Die Worte und Namen würden zum Beispiel das Herauskennen des eigenen Mülleimers nicht garantieren können, und Begriffe könnten allenfalls dazu beitragen, zweifelhafte Fälle oder Gebrauchsweisen auf den eigentlichen Sinn zu beziehen. Symbolische Generalisierungen entstehen also bereits im konkreten Umgang mit Objekten und Ereignissen, sie dienen dem Vorhalten der Wiederzugänglichkeit, und erst bei Bedarf für höherstufige Aggregationen stellen sich auch Pauschalbezeichnungen, Typenvorstellungen und Heterogenes übergreifende Begriffe ein.  ...

... Der Begriff der symbolischen Generalisierung des Selbstbezugs von Sinn ersetzt den Begriff des Zeichens, der bis heute die Theorietradition beherrscht. [S. 136-137]

.... Generalisierung stoppt die immer wieder mögliche Auflösung je nach den Bedürfnissen der Sinnverwendung irgendwo. ..

Zweitens erlaubt die Sinngeneralisierung, alle logischen Probleme praktisch zu lösen. Auch ein Widerspruch, auch eine Paradoxie hat Sinn. Nur so ist Logik überhaupt möglich. Man würde sonst beim ersten besten Widerspruch in ein Sinnloch fallen und darin verschwinden. [S. 137-138]

 

 

The World Wide Lab: hybrid forums

[from catalog entry for Olaf Eliasson's The Weather Project, Tate Gallery, 2003]

In a legendary scene from Marcel Carné’s Hôtel du Nord (1938), the beautiful actress Arletty mocks the odd vocabulary of Louis Jouvet, Monsieur Edmond, her unwanted suitor, exclaiming in her husky working-class Parisian: ‘Atmosphère, atmosphère, est-ce que j’ai une gueule d’atmosphère?’ (‘Atmosphere, atmosphere, do I look like someone with atmosphere?’). A word that sounded pompous in the 1930s has now become commonplace, perhaps reflecting a universal condition. Indeed, in a series of daring books, the German philosopher Peter Sloterdijk has recently gone so far as to take anew approach to philosophy by stressing the importance of atmospheric conditions on our lives. In what amounts to a sort of expanded meteorology he argues that philosophers have been far too obsessed with objects and subjects, and not enough with air conditioning. Envelopes, spheres, skins, ambiences: these are the real ‘conditions of possibility’ that philosophy has vainly attempted to dig out of totally inaccessible infrastructures.

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Laboratories inside out: The World Wide Lab

That we are all engaged in a set of collective experiments that have over-spilled the strict confines of the laboratory needs no more proof than reading the newspaper or watching the television news. This year, it was the SARS epidemic that highlighted commercial, social, legal and medical relationships all over the world. Last year, in Spain, thousands of volunteers and specialists tried to fight yet another oil spill, this time from the sunken hull of the Prestige. Two years ago, thousands of officials, policemen, veterinarians, farmers, custom officers, firemen, struggled throughout Europe against the foot-and-mouth virus that was devastating the British countryside. There is nothing new in this, of course, since the concept of ‘public health’ was invented two centuries ago to prevent the spread of infectious diseases by means of quarantine and, later, disinfection and vaccination. But all these crises were the unwanted consequences of decisions to experiment on a very large scale: on food production in China, oil transport in Europe, non-vaccinated livestock in Great Britain. All are clear cases of what Ulrich Beck has called ‘manufactured risks’.

By mentioning these cases I am not being indignant. I am not claiming that we should have checked food sources in China, banned single-hull oil tankers, or vaccinated livestock. I am not even saying it is a scandal that economic interests have taken precedence over public health. My point is different: a collective experiment in which farmers, consumers, cows, sheep, pigs, veterinarians, virologists are mutually engaged is underway. The question then is, has it been a well-designed experiment or not?

It is as if, following on from the science age, we have entered the experimental age. We have shifted from science and its modernist dream of total control to research without ever putting the original dream of control into doubt, even though its unwanted consequences are evident. The problem is that while we know how to conduct a scientific experiment in the narrow confines of a laboratory, we have no idea how to pursue collective experiments in the confusing atmosphere of a whole culture. In times past, a scientist or a philosopher of science worked in a closed site, the laboratory, where a small group of specialised experts scaled down (or scaled up) phenomena that they could repeat at will through simulations or modelling before presenting their results. Then, and only then, could they be diffused, applied, or tried out in the public sphere. We recognise here the ‘trickling down’ theory of scientific influence: from a confined centre of rational enlightenment, knowledge emerged and then slowly spread out to the rest of society. The public could choose to find out the results of the laboratory tests or remain indifferent to them, but it certainly could not add to them, dispute them, far less contribute to their elaboration. Science was an activity carried out inside the walls of´the laboratory. Experiments were undergone by animals, materials, figures and software. Outside the laboratory was the realm of experience – not experiment.

It would be an understatement to say that absolutely nothing has been left of this trickling down model of scientific production. The laboratory has extended its walls to the whole planet. Instruments are everywhere. Houses, factories, hospitals have become so many subsidiaries of the laboratories.

Think, for instance, of the satellite network Global Positioning System (GPS), with which geologists and naturalists can now take measurements with the same range of precision outside and inside their laboratories. Think of the monitoring systems for fish quotas, for volcanoes, for glaciers: everywhere, instruments criss-cross the ‘outside world’ as if it were made of graph paper. Think of the new requirements for traceability, quality control and standardisation, which are as stringent outside factories as inside them. The difference between natural history – outdoor science – and lab science has slowly been eroded; so much so that it is now possible, through 3-D equipment, to organise ‘field trips’ inside datascapes projected onto a screen in conference rooms.

Soldiers in the recent war with Iraq, with one eye on the actual battlefield and the other on the ‘digital battle field’, must have found it difficult to detect the difference between the inside and the outside of the command-and-control war rooms. Of course, nothing is more ‘global’ than global warming, which seems to be eroding the very planet from the outside. The key question of global warming demonstrates the fact that experiments are now taking place on a life-size scale and in real time. To be sure, many simulations and complex models are being tried out on huge computers, but the real experiment is happening to us, through the action of each of us, with all the oceans, high atmosphere and even the Gulf Stream – as some oceanographers argue – participating. The only way to find out if global warming is indeed due to anthropic activity is to see what happens if we try to eliminate noxious emissions. This is indeed an experiment in which we are all involved.

What is the difference between this collective experiment and what used to be called a ‘political’ issue? Nothing. And this is precisely the point. The sharp distinction between, on the one hand, scientific laboratories experimenting on theories and phenomena inside their walls, and, on the other, a political outside where non-experts get by with human values, opinions and passions, is simply evaporating before our eyes. These experiments made on us, by us and for us have no protocol. No one is in charge. No one is explicitly given the responsibility for monitoring them. Who has the last word, the power to decide for all of us? This is why a new definition of sovereignty is being called for.

...

When I say that the distinction between the inside and outside of the laboratory has disappeared, however, I am not saying that from now on everything is political. I am simply saying that contemporary scientific controversies are designing what Arie Rip and Michel Callon have called ‘hybrid forums’. There used to be two types of representation: the representation of things in nature – and here the word ‘representation’ signifies accuracy, precision and reference – and the representation of people in society – where it means faithfulness, election, confidence, obedience. A simple way to characterise our times is to say that the two meanings of representation have now merged into one, around the notion of spokespersons offering clearly staged demonstrations to prove the existence of some new entity that becomes the object of collective concern.

The global-warming controversy is just one of those many new hybrid forums. Around the table, some people are spokespersons for high atmosphere, some represent the many lobbies for oil and gas, others speak for non-governmental organisations, while some still represent, in the classical sense, their electors. The sharp difference that seemed so important between those who represent things and those who represent people has simply vanished. What counts is that all these spokespersons are in the same room, engaged in the same collective experiment, in an imbroglio of people and things. This does not mean that everything is political, but that a new politics certainly has to be devised, as Peter Sloterdijk has so forcefully argued in his vertiginous text Regeln für den Menschenpark (Rules for the Human Park).
 

The original hoax paper from 1996 is Transgressing the boundaries: towards a transformative hermeneutics of quantum gravity. Anyone who has read Brian Greene's books (The Elegant Universe, The Fabric of the Cosmos), for example, will be able to appreciate it. The text is an exposition of certain results of genuine physics to which more and more postmodernist waffling is gradually added.

Sokal reveals his "spoof" in A Physicist Experiments With Cultural Studies. Links to the ensuing scuffles are in Alan Sokal articles. At first glance, such a spoof could itself be suspected of being a spoof. Suppose he initially meant seriously what he wrote, then later decided it was too silly and hit on the idea of saying it was a spoof? But read A Physicist Experiments With Cultural Studies to understand his motives. 

Professor Sokal's bad joke, by Stanley Fish (executive director of the publishers of the journal Social Text in which Sokal's article appeared), accuses Sokal of "betrayal of trust" and says that in the article he "successfully pretended to be himself".

The affair became a delectable metascandal. Sloterdijk commented on the potential advantages of metascandal in his open letter to Habermas during the "Menschenparkdebatte" in 1999:

Aliquid semper haeret, hieß es in der römischen Antike, die bereits ein explizites Wissen über die Rolle der Diffamierung im Konflikt der Ambitionen besaß. Der Satz besagt: Verleumde allemal, weil auch bei völliger Widerlegung eine Rückkehr zum Zustand davor nicht mehr gelingt. Etwas haftet immer. Ich entwickle allerdings soeben eine neue Hypothese über jenes aliquid , das stets hängen bleibt. Jakobiner sind gewiss mit dem römischen haeret -Prinzip besser vertraut als ich, aber auch mir, dem Anti-Jakobiner, springt ins Auge, dass der Satz unbestimmt lässt, an wem das aliquid haften bleiben soll. Bleibt es am Denunzierten, bleibt es am Denunzianten?

Lassen wir es, dieses eine Mal, auf den Versuch ankommen. (Die deutsche Nachkriegsdebattengeschichte zeigt freilich bisher keine ermutigende Bilanz, weil der liberal-jakobinischen Prozessform gemäß der Angegriffene der Verlierer ist. Skandalstatistisch gesehen sind meine Aussichten nach dem Habermas-Assheuer-Mohr-Coup miserabel - es sei denn, es entwickelte sich ein Metaskandal, an dem sich etwas lernen lässt über die Geschäfte der Skandalisten in diesem Land, über die deutsche Entrüstungsindustrie, die Dekadenz der Kritik und die eingeschliffenen Allianzen zwischen Liberal-Jakobinismus und Showsystem.)

Triangles in Berlin

[from Briefe an eine deutsche Prinzessin]

The three classes of truths which I have now unfolded are the only sources of all our knowledge; all being derived from our own experience, from reasoning, or from the reports of others.

It is not easy to determine which of these three sources contributes most to the increase of knowledge. Adam and Eve must have derived theirs chiefly from the two first; God, however, revealed many things to them, the knowledge of which is to be referred to the third source, as neither their own experience nor their powers of reasoning could have conducted them so far.

Without recurring to a period so remote, we are sufficiently convinced, that if we were determined to believe nothing of what we hear from others, or read in their writings, we should be in a state of almost total ignorance. it is very far, however, from being our duty to believe every thing that is said, or that we read. We ought constantly to employ our discerning faculties, not only with respect to truths of the third class, but likewise of the two others.

We are so liable to suffer ourselves to be dazzled by the senses, and to mistake in our reasonings, that the very sources laid open by the Creator for the discovery of truth very frequently plunge us into error. Notions of the third class, therefore, ought not in reason to fall under suspicion, any more than such as belong to the other two. We ought, therefore, to be equally on our guard against deception, whatever be the class to which the notion belongs; for we find as many instances of error in the first and second classes as in the third.

The same thing holds with regard to the certainty of the particular articles of knowledge which these three sources supply; and it cannot be affirmed that the truths of any one order have a surer foundation than those of another. Each class is liable to errors, by which we may be misled; but there are likewise precautions which, carefully observed, furnish us with nearly the same degree of conviction.

I do not know whether you are more thoroughly convinced of this truth, that two triangles which have the same base and same height are equal to one another, than of this, that the Russians have been at Berlin; though the former is founded on a chain of accurate reasoning, whereas the latter depends entirely on the veracity of your informer.

Respecting the truths, therefore, of each of these classes, we must rest satisfied with such proofs as correspond to their nature; and it would be ridiculous to insist upon a geometrical demonstration of the truths of experience, or of history. This is usually the fault of those who make a bad use of their penetration in intellectual truths, to require mathematical demonstration in proof of all the truths of religion, a great part of which belongs to the third class.

Wissen Wollen

[aus Das unwahre Prinzip unserer Erziehung oder Humanismus und Realismus, Rheinische Zeitung (Köln), 1842]

... der Fehler unserer Tage, daß das Wissen nicht vollendet und zur Durchsichtigkeit gebracht wird, daß es ein materielles und formelles, ein positives bleibt, ohne sich zum absoluten zu steigern, daß es uns befrachtet als eine Bürde. [Man muß] Vergeßlichkeit wünschen, muß aus der beseligenden Lethe trinken: sonst kommt man nicht zu sich. Alles Große muß zu sterben wissen und durch seinen Hintritt sich verklären; nur das Klägliche sammelt, gleich dem starrgliedrigen Reichskammergerichte, Akten auf Akten und spielt Jahrtausende in zierlichen Porzellanfiguren, wie die unvergängliche Kinderei der Chinesen.

Das rechte Wissen vollendet sich, indem es aufhört, Wissen zu sein und wieder ein einfacher menschlicher Trieb wird - der Wille. So wird z.B. der, welcher Jahre lang über seinen "Beruf als Mensch" nachgedacht hat [siehe Der Einzige und sein Eigentum, Stirners großartige Polemik gegen Feuerbach, Marx und die Idee "des" Menschen], alle Sorgen und Pilgerschaften des Suchens in demselben Augenblicke in die Lethe eines einfachen Gefühles, eines von Stund' an allmählich leitenden Triebes versenken, in welchem er jenen gefunden hat. ...

... Nicht der Wille ist von Haus aus das Rechte ..., nicht überspringen darf man das Wissenwollen, um gleich im Willen zu stehen, sondern das Wissen vollendet sich selbst zum Willen, wenn es sich entsinnlicht und als Geist, "der sich den Körper baut", sich selbst erschafft.

Darum haften an jeder Erziehung, die nicht auf diesen Tod und diese Himmelfahrt des Wissens ausgeht, die Gebrechen der Zeitlichkeit, die Formalität und Materialität, der Dandismus und Industrialismus. Ein Wissen, welches sich nicht so läutert und konzentriert, daß es zum Wollen fortreißt, oder mit anderen Worten, ein Wissen, welches mich nur als ein Haben und Besitz beschwert, statt ganz und gar mit mir zusammengegangen zu sein, so daß das freibewegliche Ich, von keiner nachschleppenden Habe geniert, frischen Sinnes die Welt durchzieht, ein Wissen also, das nicht persönlich geworden, gibt eine ärmliche Vorbereitung aufs Leben ab. 

 

   

Décision de réserve

[aus einem Interview mit Éric Alliez mit der Überschrift "Vivre chaud et penser froid"]

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Éric Alliez - Depuis la parution de La Critique de la raison cyniques (1983) et du Penseur sur scène, sous-titré Le Matérialisme de Nietzsche (1986), qui est un commentaire de La naissance de la tragédie, deux de tes ouvrages traduits en français, tu as pu être perçu comme le seul philosophe allemand susceptible de reprendre à son compte l’affirmation de Foucault se déclarant « simplement nietzschéen »... je souhaiterais donc que tu précises le sens de cette lecture de Nietzsche, en développant si possible : le privilège que tu sembles accorder au jeune philosophe de La naissance de la tragédie au détriment du penseur de la « volonté de puissance » ; ton rapport (pas simple...) à l’interprétation heideggerienne ; et enfin, et surtout ce que tu entends par « matérialisme dionysiaque » : de quelle espèce de matérialisme supérieur s’agit-il, comment cette notion spécifie-t-elle la catégorie générale du vitalisme si Nietzsche est bien à tes yeux, par excellence, le philosophe de la vie ?

P. Sloterdijk: "Simplement nietzschéen" - c’est un mot qui me ferait rêver de toute façon, même sans savoir qui l’a prononcé. C’est pour moi une évidence que l’événement Nietzsche a été ce tremblement de terre, cette commotion cérébrale qui ont bouleversé toute la tradition intellectuelle de la vieille Europe. Dans Ecce homo, on trouve des traces très explicites de la conscience épochale qu’avait Nietzsche des effets lointains dont il était porteur - je pense surtout au pronunciamento fameux : « On vit avant moi ou après moi. » Ce qui sonne comme le monologue intérieur d’un messie occupé à la réforme du calendrier rendue nécessaire par son apparition. Si l’on cherchait un exemple prouvant que la mégalomanie et la sobriété peuvent coïncider - c’est bien celui-ci.

Car il faut bien l’avouer, pour nous, c’est un constat : nous vivons effectivement après Nietzsche. On retiendra l’idée que cette coïncidence du mégalomane et du sobre est la philosophie même. Le philosophe est cet être humain grandiloquent auquel il arrive que la grandeur des idées qu’il formule dépasse sa grandiloquence. En termes aristotéliciens, il est le zoon logon (megalon) echon. Il serait bien sûr possible de remplacer le terme de « grandeur » par des expressions moins choquantes : substantialité, efficacité, pertinence, validité, précision, créativité, puissance, opérativité. Mais quelle que soit l’expression choisie, nous admettons dans tous les cas qu’existent des êtres pensants à travers lesquels il « se passe » quelque chose qui affecte l’état de la réalité en tant que telle.

Ce qui revient à poser que la pensée véritable est une production. Par parenthèses, il me semble ici nécessaire de se poser la question suivante : si la mégalomanie philosophique est une réalité, ne serait-il pas tout à fait raisonnable de concevoir l’existence parallèle d’une mégalodépression spécifiquement philosophique ? Est-ce à dire que la pensée de notre siècle n’aura été, dans une très large mesure, que le drame de l’interpathologie des idées et des penseurs ? L’interfolie - un concept à reprendre.

Alors, « simplement nietzschéen », qu’est-ce que ça peut signifier dans les conditions de la réflexion contemporaine ? Commençons par constater que la formule est d’abord un énoncé chronologique qui dit que nous nous situons dans un temps « après » quelqu’un - tout à fait dans le sens du titre d’un livre célèbre de Giorgio Colli, Dopo Nietzsche. On sait que les sciences sociales et la philosophie contemporaine ont pris l’habitude de se dater dans une période d’après un maître - on se rappelle l’après-Freud de Pontalis ;l’après-Saussure des structuralistes ; l’après-Foucault des nouveaux généalogues et archivistes ; l’après-Braudel des psychohistoriens et, plus récemment, l’après-Luhmann (en Allemagne au moins) des analystes des systèmes et sous-systèmes sociaux.

Mais on ne peut pas en rester à ce seul constat - que la pensée moderne est marquée par son historicité et que les noms propres des grands auteurs nous servent comme points de repère dans les flux chaotiques des discours. Il faut aller plus loin et interroger le contenu et la méthode d’une réflexion radicalement contemporaine. D’où les questions suivantes : Qu’est-ce que c’est que la pensée si on pense « après Nietzsche » ? Et comment pense-t-on si on pense dans la mouvance et à l’horizon de la pensée nietzschéenne ?

La réponse à la première de ces questions doit indiquer pourquoi cette pensée se trouve au centre de la civilisation moderne. Car, après Nietzsche, on pense (la plupart du temps sans s’en rendre compte) les conditions de la possibilité et les conditions de la réalité de la Vie. On cherche à comprendre comment la vie, une vie, nos vies (et nos pensées de ces vies) sont possibles - et parmi les réponses données à cette question, il en ait une qui a un rapport à la philosophie. (Définissons, pour l’instant, la philosophie comme cette agence de la sagesse dont la tâche est de gérer la question de la vérité au sein d’une civilisation avancée.) La réponse consiste à avancer que la vie, une vie, notre vie commune est possible du fait que les êtres humains sont doués d’un sens de la vérité.

Ce sixième sens leur permet de mener avec plus ou moins de succès une vie et de s’inscrire dans une évolution : primo parce qu’il leur fournit les moyens de l’adaptation à un environnement donné (adéquation de l’intellect aux choses), et secundo parce qu’il leur inspire le respect des règles qui constituent la religion de la tribu (adéquation du comportement avec la loi « divine »). C’est aussi pourquoi, après Nietzsche ,la théorie de la vérité' - l’ancienne discipline royale dela philosophie - se transforme en élément d’une réflexion métabiologique élargie. (Ici encore il est tentant de faire usage du schéma de la dé-définition : la vie et sa théorie sont des choses trop importantes pour les abandonner aux seuls biologistes.)

Dans mes travaux les plus récents, j’ai entrepris d’intégrer la psychanalyse, l’histoire des idées et des images, la systémique, la sociologie, la théorie de l’urbanisme, etc., dans un métaparadigme que j’appelle Immunologie Générale, ou encore Théorie des Sphères. Si l’on considère la nouvelle définition de la vie (d’une vie) donnée par les immunologues de cette fin de siècle, selon laquelle la vie, une vie, c’est la phase-à-succès d’un système immunitaire, on saisit immédiatement l’intérêt de ces études pour une reformulation nietzschéenne de la question de la vérité. Dans la perspective de la métabiologie philosophique, nietzschéenne ou postnietzschéenne, « la vérité » est comprise comme une fonction des systèmes vitaux qui sert à leur orientation dans le « monde » et à leur autoprogrammation culturelle, motivationnelle, communicationnelle. À ce niveau, on a à faire à un Nietzsche philosophe-biologiste, auteur de la phrase célèbre : la vérité est le genre de mensonge sans lequel l’être humain est incapable de subsister.

Avec ma terminologie, on dirait que les vérités (que j’appellerai du premier ordre) sont des systèmes immunitaires symboliques. Les vies sont condamnées à un effort permanent visant à dresser leurs boucliers morpho-immunitaires contre les invasions microbiologiques et les lésions sémantiques (nous disons : les expériences) auxquelles elles sont exposées. Or je pense que cette manière de considérer les systèmes d’opinions des individus a des implications morales d’une portée considérable. Elle enseigne non pas un devoir mais, avec la suspension du jugement et le respect radical des besoins de l’autre, une décision de réserve. Dans la société postconsensuelle, je tiens ce genre d’éthique pour indispensable.

 

Le plus intéressant pour soi

[aus einem Interview mit Elisabeth Lévy]

Il est effrayant de voir avec quelle facilité la sentimentalité, le ressentiment et le bellicisme peuvent envahir la Maison-Blanche. L'invraisemblance de la forme de vie démocratique est beaucoup plus palpable quand on vit aux Etats-Unis, parce que l'hétérogénéité de la société y est telle que, sans un délire partageable, la société se dissoudrait d'un instant à l'autre. Et il faut renouer le prétendu contrat social à chaque instant. C'est parce qu'ils ont appris à publier toute leur personnalité qu'il est si plaisant de parler avec des Américains, alors que nous, à l'image des aristocrates d'autrefois, nous celons nos secrets de famille. L'arrière-pensée est une spécificité européenne. Ici, on fait la conversation, mais on garde toujours le plus intéressant pour soi.

 

Analytische Vorsicht

[Auszug aus Philosophie -> Prolegomenon zu Fichte  "Analytische oder dekonstruktive Vorsicht" ist ein Hauptmerkmal von Sloterdijks Schriften.]

Dass die Philosophie etwas sei, was ohne eine Erweckung des ganzen Menschen zu ihr ein unfruchtbares Unternehmen bleibe: Es gibt unter den Philosophen der Neuzeit - von Martin Heidegger abgesehen - keinen, der mit solchem Umgestüm und in solcher Grundsatz-Tiefe diese Einsicht gelehrt hätte wie Johann Gottlieb Fichte. Nach ihm gelangt niemand in den Brennpunkt des wesentlichen Denkens, der nicht in einem existenzverwandelnden Umschwung sich von seinem bisherigen Glauben an die Übermacht der Dinge vor ihm und außer ihm losgerissen hätte. Du musst dein Leben ändern: dies ist der cantus firmus allen Denkens im Zeichen der modernen Freiheitsidee. Sich ändern aber heißt vor allem: darauf verzichten, sich durch die Umstände zu erklären.

 

Fichte hat vorgemacht, was es heißt, im bürgerlichen Zeitalter ein Lehrer des Idealismus zu sein. In seinen Reden und Schriften entfaltet sich, wortgewaltig, unterscheidungsmächtig und mit fanatischer Loyalität gegenüber einem steilen Grundgedanken, die neue Lehre von der allesverwandelnden Würde der Subjektivität. In der Macht ihres Vortrags illustriert Fichtes Doktrin die Tateinheit von Analyse und Appell, von Argument und Initiation. Als Logiker war Fichte immer auch Psychagoge, als Theoretiker immer auch Agitator und Exerzitienmeister. Der Schöpfer der Wissenschaftslehre hinterließ der Nachwelt den irritierenden Impuls eines argumentativen Prophetismus; er schuf damit das grelle Gegenbild zu jenem lethargischen oder sportlichen Rechnen mit Problembeständen, das seit dem 19. Jahrhundert untrennbar ist von dem entgeisterten Betrieb der hohen Schulen.

...

Im Rückblick auf das Zeitalter der großen moralischen Politik erkennen wir freilich, wie solche hochgespannten Hoffnungen die Menschheit in einen gewaltträchtigen Zyklus von Enthusiasmen und Desillusionierungen hineingerissen haben. Es hat den Anschein, als seien wir nach alledem nicht zur Freiheit verdammt, sondern zur Abklärung unserer Illusionen über die Reichweite von Freiheitsträumen. Wenn sich unsere Zeit - zu recht oder zu unrecht - vielerorts als eine Epoche nach-metaphysischen Denkens beschreibt, dann nicht zuletzt deswegen, weil wir im Andenken an den zweihundertjährigen Prozess heroischer Freiheitsphilosophien irre geworden sind an der moralprophetischen Kompetenz gewaltbereiter Meisterdenker. Gewiss: es wäre übertrieben, den großen Philosophen die Schuld an den Debakeln der Moderne aufzubürden. Dennoch soll geprüft werden, was wahr ist an dem Verdacht gegen alle Großdenkerei, der mit der These auftritt: wer in der technischen Epoche Illusionen sät, wird Weltkriege ernten.

 

Die Geschichte des ideologischen Zeitalters war in der Tat eine Ernüchterungs- Schule: Das manische Privileg der großen Geschichtsphilosophie, die Weltbewegung allein am Kompass von Vernunft und Freiheit orientieren zu wollen, hat sich an der Macht der Umstände gebrochen. Darum muss eine erneuerte analytische oder dekonstruktive Vorsicht, gleich ob sie psychologische oder zeichenkritische Wege verfolgt, ihre Folgerungen ziehen aus dem Scheitern jener Ideologien, die als weltmächtig gewordene Enthusiasmen in die Unheilsgeschichte der Moderne verwickelt sind. Diese teuer erkaufte Skepsis - man könnte sie post-illusionistisch nennen - darf rechtens auch Fichtes Werk und Ruf umgreifen, denn er ist der wirkliche Urheber des erhabenen Trugschlusses, dass das Leben der menschlichen Gattung nach einem festen Plane vorrücke, der sicher erreicht werden wird, weil er erreicht werden muss und soll.

 

 

Den Sternen die Stirn bieten

[aus Appellation an das Publikum]

Die andere Lehre [Fichte's Idealismus des 'Ich an sich'] will alles, was ihr zu bewundern, zu begehren, zu fürchten pflegt, vor eurem Auge in Nichts verwandeln, indem sie auf ewig eure Brust der Verwunderung, der Begier, der Furcht verschließt. Ihr sollt euch nur zum Bewußtsein eures reinen sittlichen Charakters erheben; und ihr werdet, verspricht sie euch, ihr werdet finden, wie Ihr selbst seid; und werdet finden, daß dieser Erdball mit allen den Herrlichkeiten, welcher zu bedürfen ihr in kindischer Einfalt wähntet, daß diese Sonne, und die tausend mal tausend Sonnen, die sie umgeben, daß alle die Erden, die ihr um jede der tausend mal tausend Sonnen ahnet, und die in keine Zahl zu fassenden Gegenstände alle, die ihr auf jedem dieser Weltkörper ahnet, wie ihr auf eurer Erde sie findet, daß dieses ganze unermeßliche All, vor dessen bloßem Gedanken eure sinnliche Seele bebt, in ihren Grundfesten erzittert - daß es nichts ist, als in sterbliche Augen ein matter Abglanz eures eigenen in euch verschlossenen und in alle Ewigkeiten hinaus zu entwickelnden ewigen Daseins.

... Ihr werdet, verspricht sie euch, kühn eure Unendlichkeit dem unermeßlichen All ... gegenüberstellen und sagen: wie könnte ich deine Macht fürchten, die sich nur gegen das richtet, was dir gleich ist, und nie bis zu mir reicht. Du bist wandelbar, nicht ich; alle deine Verwandlungen sind nur mein Schauspiel, und ich werde stets unversehrt über den Trümmern deiner Gestalten schweben. Daß die Kräfte schon jetzt in Wirksamkeit sind, welche die innere Sphäre meiner Tätigkeit, die ich meinen Leib nenne, zerstören sollen, befremdet mich nicht; dieser Leib gehört zu Dir, und ist vergänglich, wie alles, was zu dir gehört, aber dieser Leib ist nicht Ich. Ich selbst werde über seinen Trümmern schweben, und seine Auflösung wird mein Schauspiel sein.

 

Encouraging uncertainty

[aus 'Philosophy for Laymen', Unpopular Essays, 1950]

The demand for certainty is one which is natural to man, but is nevertheless an intellectual vice. If you take your children for a picnic on a doubtful day, they will demand a dogmatic answer as to whether it will be fine or wet, and be disappointed in you when you cannot be sure. The same sort of assurance is demanded, in later life, of those who undertake to lead populations into the Promised Land. 'Liquidate the capitalists and the survivors will enjoy eternal bliss.' 'Exterminate the Jews and everyone will be virtuous.' 'Kill the Croats and let the Serbs reign.' 'Kill the Serbs and let the Croats reign.'

These are samples of the slogans that have won wide popular acceptance in our time. Even a modicum of philosophy would make it impossible to accept such bloodthirsty nonsense. But so long as men are not trained to withhold judgment in the absence of evidence, they will be led astray by cocksure prophets, and it is likely that their leaders will be either ignorant fanatics or dishonest charlatans. To endure uncertainty is difficult, but so are most of the other virtues. For the learning of every virtue there is an appropriate discipline, and for the learning of suspended judgment the best discipline is philosophy.

But if philosophy is to serve a positive purpose, it must not teach mere skepticism, for, while the dogmatist is harmful, the skeptic is useless. Dogmatism and skepticism are both, in a sense, absolute philosophies; one is certain of knowing, the other of not knowing. What philosophy should dissipate is certainty, whether of knowledge or of ignorance. Knowledge is not so precise a concept as is commonly thought. Instead of saying 'I know this', we ought to say 'I more or less know something more or less like this'. It is true that this proviso is hardly necessary as regards the multiplication table, but knowledge in practical affairs has not the certainty or the precision of arithmetic.

Suppose I say 'democracy is a good thing': I must admit, first, that I am less sure of this than I am that two and two are four, and secondly, that 'democracy' is a somewhat vague term which I cannot define precisely. We ought to say, therefore: 'I am fairly certain that it is a good thing if a government has something of the characteristics that are common to the British and American Constitutions', or something of this sort. And one of the aims of education ought to be to make such a statement more effective from a platform than the usual type of political slogan.
 

Einstein fällt Dachdecker auf

['Der unvermeidliche Rückgang aufs Anthropomorphe', in Die Vollzähligkeit der Sterne, 1997, Suhrkamp TB (2000)]

Wir wissen nicht, was Kausalität ist, und müssen dennoch ständig so tun, als wüßten wir es und seien uns dessen sicher, daß jede Gegenwart alle ihre Zukünfte bewirkt. Wenn eine Billardkügel auf eine andere trifft, stößt sie diese; der Zusammenhang zwischen ihr und der Gestoßenen wird aufgefaßt als der einer Handlung. Aber auch 'Handlungen' kann man nicht wirklich wahrnehmen; nur der Handelnde weiß oder glaubt zu wissen, er sei es gewesen, der einen bestimmten Vorgang durch seine Einwirkung hervorgebracht habe.

Der Anblick einer Marionettenbühne zeigt, daß sehr wohl eine Figur einen Stein nach einer anderen werfen kann und dennoch alle diese 'Erscheinung' hervorbringenden Elemente völlig getrennt voneinander an Fäden geführt werden: der Werfende, das Geworfene, der Beworfene. So etwa hatte sich in der Philosophiegeschichte der 'Okkasionalismus' die Kausalität vorgestellt. Zu Unrecht galt das oft als belächelter Unsinn, mit dem Gott zum Weltmarionettentheater gemacht werden sollte - eine Verwechslung seiner Allmacht mit seinem Spieltrieb. Daher kein sehr großer 'Fortschritt' in der Überwindung der Vorurteilsklasse, die man Anthropomorphie genannt hat.

Wenn man das so formuliert, unterstellt man, die Ausschaltung von Anthropomorphemen aus der Theorie der Natur sei nur eine Sache der Entschlossenheit und des Scharfsinns, in jüngster Instanz der Kritik an der Sprache. Vorausgesetzt wird, man könne Naturerscheinungen beschreiben, ohne auf 'Erlebnisse' von Menschen bezugzunehmen. Intensiv ist das beim Kraftbegriff versucht worden, der als der Kern aller Anthropomorphien in der Physik seit Newton angesehen wurde. Läßt sich aber der Zusammenhang von Begriffen und Erlebnissen auflösen?

Als Einstein gefragt wurde, wie er auf die Ausschaltung des Kraftbegriffs aus der Beschreibung der Gravitation, also der Schwerkraft oder der Anziehnungskraft von Massen, in der Allgemeinen Relativitätstheorie gekommen sei, erzählte er die Geschichte vom Dachdecker. Der sei zufällig in Berlin vor seinen Augen vom Dach gestürzt, aber so glücklich gefallen, daß er überlebte und sogleich vom herzueilenden Einstein befragt werden konnte. Kern seiner Auskunft war, daß er von Schwerkraft nichts bemerkt habe.

Um den Wahrheitsgehalt dieser Geschichte brauchte man sich nur dann Sorgen zu machen, wenn sie den 'Einfall' einer neuen Erklärung des Universums 'berichten' sollte. Das wäre schön, aber nicht so überaus wichtig, weil es genug andere Leitfäden zum Ursprung der Theorie gibt.

Wichtig ist das Verfahren, mit dem der Inhalt der neuen Theorie zugänglich gemacht wird: Rekurs auf ein unter den obwaltenden günstigsten Umständen abfragbares 'Erlebnis'. Gerade wenn der Zuschauer den klassischen 'Fall' der Schwerkraft, den freien Fall, als Phänomen vor sich hat, erlebt der Fallende und bezeugt es sogleich, daß das gerade Gegenteil 'der Fall ist': Aufhebung der Schwere im Fall.

Der Organismus empfindet seine Schwere im Ruhezustand und in allen Bewegungen, die sich der des freien Falls widersetzen, als Zuständen der Beschleunigung; er empfindet sie nicht, wenn er frei fällt oder sich in einem Medium von größerer Schwere als seiner eigenen aufhält, also 'schwimmt'. Aus dieser Erlebnislage ergibt sich, daß es für Fallen wie Schwimmen überhaupt keiner erklärenden 'Theorie' bedarf. Nur wer nicht fallen will, bedarf der Handlungen, die ihn davon bewahren; nur wer nicht schwimmen will, muß sich gebären lassen und fortan 'auf eigenen Füßen' stehen.

Die Grenzfälle sind das Natürliche, das sich wie das Moralische von selbst versteht und nicht erst verstanden zu werden braucht. Nur was zwischen der Natalität - als dem Verlassen der Fruchtwasserhöhle - und der Mortalität - als dem letzten freien Fall des Leibes (mit dem letzten Wort des Seinsphilosophen: Ich bleibe liegen) - den Einschub ausmacht, den man 'das Leben' nennt, ist unerhört erklärungsbedürftig, weil es erlebte Schwere, in einem vertrackten Sinn 'Unnatur' ist.

Dem Begriff von 'Lebenswelt', als dem der befragungsbedürftigen wie -unfähigen Zustände, entspricht das Leben selbst also nicht. Es ist seine 'Kunst', sich seine Zustände zu verschaffen, in denen die 'Kräfte' unerlebbar und damit unschmerzlich sind, die als solche nur im Widerstand erfahren werden. Dem 'Sein' eignet, wenn überhaupt etwas, die ihm im Titel eines berühmten Romans zugeschriebene 'Leichtigkeit'.

Kosmologisch bedeutet das: Der fallende Dachdecker Einsteins war der 'Glücksfall' eines physischen Körpers, der sich erstmals eine Frage hatte stellen lassen, die nicht zufällig von einem Fachmann kam, während sonst Gefallene in die Hände von Leuten geraten, die - sofern sie überhaupt etwas zu fragen wissen - sich erkundigen, ob und wo es wehtut. Die Milliarden Körper des Universums, auf die es in seiner Theorie ankommt, lassen sich nicht vom Theoretiker befragen. Er muß für sich die Antwort finden. Ließen sie sich aber befragen, so hatten sie eben das 'Erlebnis' des Dachdeckers nicht gehabt und könnten nicht verstehen, was gemeint sei, wenn sie nach der Empfindung von Schwerkraft gefragt würden.

Denn der Dachdecker kann doch nur Auskunft geben, weil er den 'unnatürlichen' Zustand auch und sogar als überwiegenden kennt, nicht frei zu fallen. Er arbeitet professionell, muß man wohl sagen, gegen das Risiko des Falles an. Daher nimmt er die Mittel der Unterscheidung, den Normalzustand der Natur als seinen Sonderzustand herauszuerkennen. Die Weltkörper sind immer im Normalzustand, sogar wenn sie in Schwarze Löcher stürzen und 'aus der Welt' verschwinden. Mit ihnen könnte man, die schönste Beseelung nach Art der Stoiker vorausgesetzt, keine Phänomenologie betreiben. Sie sind, um es so zu sagen: zu leicht, um auch nur etwas 'erlebt' zu haben.

Gibt es in der Natur so wenig Bewußtsein, weil es nichts zu erleben gibt? Auch in der 'freien Variation' bleibt der gestürzte Dachdecker ein Glücksfall. Denn es genügt nicht, daß alles zu denken dem Denker erlaubt wäre.

 

 

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