Sprachräume sind in der Zeit ausgedehnt. Sprechend, bauen wir auf das Vorausgegangene. Wir bauen darauf, daß wir heute diejenigen verstehen, mit denen wir noch gestern gesprochen haben. Verstehend, erinnern wir uns. So machen wir uns keine Sorgen, wenn wir das vergessen, was wir nicht verstanden haben.
Ein gemeinsamer Sprachraum isoliert von denen, die wir nicht oder noch nicht verstehen. Er schützt unseren Verstand vor der Anstrengung, mit Menschen zu verkehren, mit denen wir uns nicht, oder nicht leicht, verständigen können.
Kommt Zeit, kommen allerdings die Zweitsprache, das Internet und die indischen Callcenter. Es gibt viele Leute 'dort', die Englisch einigermaßen schreiben und sprechen, obwohl es nicht ihre Muttersprache ist. Ihre Worte und Sätze gehen aber oft haarscharf an der gängigen, treffenden Formulierung vorbei. Der Muttersprachler versteht sie schlecht und recht - abhängig von der Zeit, die er hat oder nehmen will, sie zu verstehen.
Sprachräume sind in der Zeit ausgedehnt. Die Fremdsprachler hatten nicht die Zeit, meine Sprache zu lernen, so wie ich sie hatte. Was kümmert sie das? Sie reden und schreiben immer weiter daneben - weil sie etwas erreichen wollen. Ihnen ist Englisch bloß ein Mittel, kein Teil ihres Selbstverständnisses, sondern eine Prothese, mit der sie nach Beratungserfolg in ihrem Callcenter schnappen. Diese Praktiker des mot-juste-de-justesse-manqué wissen nicht so recht, was sie sagen - dazu hatten sie keine Zeit, und haben sie erst recht nicht jetzt.
Da es naturgemäß mehr von ihnen gibt als von ausgewachsenen Sprechern, bestärken sie sich gegenseitig, statistisch zwangsläufig, in den schiefen Formulierungen. Zunehmend nimmt das Internetenglisch den Charakter von Kauderwelsch an. Die Drift in die Unverständlichkeit ist graduell, kumulativ, nicht eindeutig nachweisbar.
Würde Chinesisch zur Weltsprache, könnte sich Englisch vom Internet schnell erholen. Ansonsten muß man sich über eine unabsehbare Zeit zusammen aufregen, um den Kauderern zu steuern.
... die veränderten Medienverhältnisse ... die neuen wirtschaftsgeographischen Evidenzen, die heute überall unter dem Stíchwort Globalisierung diskutiert werden. Was heißt es denn in einer derart aufgerissenen, mediatisierten und mobilisierten Welt, daß eine spezifische, eine nationale, eine historische Gruppe von sich zu wissen glaubt und bekennt, sie sei zusammengehörig und wolle um alles in der Welt in gemeinsamen Institutionen leben? Wie können achtzig Millionen Menschen überhaupt zusammengehören? ...
Ich frage also, gründlich und philosophisch und - wenn Sie so wollen - klinisch deutsch, nach dem starken Grund des Zusammenseins von Menschen in großen politischen Einheiten vom Typus moderner imperialer Nationalstaaten; ich frage nach der Nation als einer Hörgemeinschaft oder einem gemeinhörigen Kollektiv; ich möchte mich des Verdachts vergewissern, daß Nationen, wie wir sie kennen, möglicherweise nichts anderes seien als Effekte von umfassenden psycho-akustischen Inszenierungen, durch die allein tatsächlich zusammenwachsen kann, was sich zusammen hört, was sich zusammen liest, was sich zusammen fernsieht, was sich zusammen informiert und aufregt.
- aus Peter Sloterdijk, Der starke Grund, zusammen zu sein, S. 25, 27