Einstein fällt Dachdecker auf
['Der unvermeidliche Rückgang aufs Anthropomorphe', in Die Vollzähligkeit der Sterne, 1997, Suhrkamp TB (2000)]
Wir wissen nicht, was Kausalität ist, und müssen dennoch ständig so tun, als wüßten wir es und seien uns dessen sicher, daß jede Gegenwart alle ihre Zukünfte bewirkt. Wenn eine Billardkügel auf eine andere trifft, stößt sie diese; der Zusammenhang zwischen ihr und der Gestoßenen wird aufgefaßt als der einer Handlung. Aber auch 'Handlungen' kann man nicht wirklich wahrnehmen; nur der Handelnde weiß oder glaubt zu wissen, er sei es gewesen, der einen bestimmten Vorgang durch seine Einwirkung hervorgebracht habe.
Der Anblick einer Marionettenbühne zeigt, daß sehr wohl eine Figur einen Stein nach einer anderen werfen kann und dennoch alle diese 'Erscheinung' hervorbringenden Elemente völlig getrennt voneinander an Fäden geführt werden: der Werfende, das Geworfene, der Beworfene. So etwa hatte sich in der Philosophiegeschichte der 'Okkasionalismus' die Kausalität vorgestellt. Zu Unrecht galt das oft als belächelter Unsinn, mit dem Gott zum Weltmarionettentheater gemacht werden sollte - eine Verwechslung seiner Allmacht mit seinem Spieltrieb. Daher kein sehr großer 'Fortschritt' in der Überwindung der Vorurteilsklasse, die man Anthropomorphie genannt hat.
Wenn man das so formuliert, unterstellt man, die Ausschaltung von Anthropomorphemen aus der Theorie der Natur sei nur eine Sache der Entschlossenheit und des Scharfsinns, in jüngster Instanz der Kritik an der Sprache. Vorausgesetzt wird, man könne Naturerscheinungen beschreiben, ohne auf 'Erlebnisse' von Menschen bezugzunehmen. Intensiv ist das beim Kraftbegriff versucht worden, der als der Kern aller Anthropomorphien in der Physik seit Newton angesehen wurde. Läßt sich aber der Zusammenhang von Begriffen und Erlebnissen auflösen?
Als Einstein gefragt wurde, wie er auf die Ausschaltung des Kraftbegriffs aus der Beschreibung der Gravitation, also der Schwerkraft oder der Anziehnungskraft von Massen, in der Allgemeinen Relativitätstheorie gekommen sei, erzählte er die Geschichte vom Dachdecker. Der sei zufällig in Berlin vor seinen Augen vom Dach gestürzt, aber so glücklich gefallen, daß er überlebte und sogleich vom herzueilenden Einstein befragt werden konnte. Kern seiner Auskunft war, daß er von Schwerkraft nichts bemerkt habe.
Um den Wahrheitsgehalt dieser Geschichte brauchte man sich nur dann Sorgen zu machen, wenn sie den 'Einfall' einer neuen Erklärung des Universums 'berichten' sollte. Das wäre schön, aber nicht so überaus wichtig, weil es genug andere Leitfäden zum Ursprung der Theorie gibt.
Wichtig ist das Verfahren, mit dem der Inhalt der neuen Theorie zugänglich gemacht wird: Rekurs auf ein unter den obwaltenden günstigsten Umständen abfragbares 'Erlebnis'. Gerade wenn der Zuschauer den klassischen 'Fall' der Schwerkraft, den freien Fall, als Phänomen vor sich hat, erlebt der Fallende und bezeugt es sogleich, daß das gerade Gegenteil 'der Fall ist': Aufhebung der Schwere im Fall.
Der Organismus empfindet seine Schwere im Ruhezustand und in allen Bewegungen, die sich der des freien Falls widersetzen, als Zuständen der Beschleunigung; er empfindet sie nicht, wenn er frei fällt oder sich in einem Medium von größerer Schwere als seiner eigenen aufhält, also 'schwimmt'. Aus dieser Erlebnislage ergibt sich, daß es für Fallen wie Schwimmen überhaupt keiner erklärenden 'Theorie' bedarf. Nur wer nicht fallen will, bedarf der Handlungen, die ihn davon bewahren; nur wer nicht schwimmen will, muß sich gebären lassen und fortan 'auf eigenen Füßen' stehen.
Die Grenzfälle sind das Natürliche, das sich wie das Moralische von selbst versteht und nicht erst verstanden zu werden braucht. Nur was zwischen der Natalität - als dem Verlassen der Fruchtwasserhöhle - und der Mortalität - als dem letzten freien Fall des Leibes (mit dem letzten Wort des Seinsphilosophen: Ich bleibe liegen) - den Einschub ausmacht, den man 'das Leben' nennt, ist unerhört erklärungsbedürftig, weil es erlebte Schwere, in einem vertrackten Sinn 'Unnatur' ist.
Dem Begriff von 'Lebenswelt', als dem der befragungsbedürftigen wie -unfähigen Zustände, entspricht das Leben selbst also nicht. Es ist seine 'Kunst', sich seine Zustände zu verschaffen, in denen die 'Kräfte' unerlebbar und damit unschmerzlich sind, die als solche nur im Widerstand erfahren werden. Dem 'Sein' eignet, wenn überhaupt etwas, die ihm im Titel eines berühmten Romans zugeschriebene 'Leichtigkeit'.
Kosmologisch bedeutet das: Der fallende Dachdecker Einsteins war der 'Glücksfall' eines physischen Körpers, der sich erstmals eine Frage hatte stellen lassen, die nicht zufällig von einem Fachmann kam, während sonst Gefallene in die Hände von Leuten geraten, die - sofern sie überhaupt etwas zu fragen wissen - sich erkundigen, ob und wo es wehtut. Die Milliarden Körper des Universums, auf die es in seiner Theorie ankommt, lassen sich nicht vom Theoretiker befragen. Er muß für sich die Antwort finden. Ließen sie sich aber befragen, so hatten sie eben das 'Erlebnis' des Dachdeckers nicht gehabt und könnten nicht verstehen, was gemeint sei, wenn sie nach der Empfindung von Schwerkraft gefragt würden.
Denn der Dachdecker kann doch nur Auskunft geben, weil er den 'unnatürlichen' Zustand auch und sogar als überwiegenden kennt, nicht frei zu fallen. Er arbeitet professionell, muß man wohl sagen, gegen das Risiko des Falles an. Daher nimmt er die Mittel der Unterscheidung, den Normalzustand der Natur als seinen Sonderzustand herauszuerkennen. Die Weltkörper sind immer im Normalzustand, sogar wenn sie in Schwarze Löcher stürzen und 'aus der Welt' verschwinden. Mit ihnen könnte man, die schönste Beseelung nach Art der Stoiker vorausgesetzt, keine Phänomenologie betreiben. Sie sind, um es so zu sagen: zu leicht, um auch nur etwas 'erlebt' zu haben.
Gibt es in der Natur so wenig Bewußtsein, weil es nichts zu erleben gibt? Auch in der 'freien Variation' bleibt der gestürzte Dachdecker ein Glücksfall. Denn es genügt nicht, daß alles zu denken dem Denker erlaubt wäre.