Der Spruch "Der Kunde ist König" ist anachronistisch in einer Marktökonomie ohne Könige. Ihn hört man ja am ehesten bei betagtem Verkaufspersonal. Allerdings gibt es einen erhöhten atmosphärischen Druck auf junge Leute, ein "Dienstleistungsbewußtsein" zu erarbeiten.
Restaurativ ist die Motivation hinter dem Königsspruch nur teilweise. Kunden haben Kaufkraft, also soll man ihnen willfahren. Mit ihren Schrullen haben sich Souveräne oft unbeliebt gemacht, aber Berater, Adel und Hofschranzen haben es verstanden, den Willen des Königs zu ihrem wenn auch momentanen Vorteil umzubiegen.
Die Kaufkraft eines Kunden ist nicht souverän, denn vor, nach und neben ihm sind andere Kunden da. Trotzdem befürworten die Dienstleister mit dem Königsspruch den Einsatz jedes Mittels, jeder Unterwürfigkeit und Rabattzusicherung, um ihre Umsatzziele zu erreichen. Man hat es hier mit der Vorstellung einer Macht zu tun, deren Gunst man erwirbt, indem man ihr schmeichelt.
Mit Lobpreisungen arbeitete sich das christliche Ressentiment hoch auf Gottes Schultern, um sich überlegener zu rächen. Schwieriger ist es heute für junge Dienstleister, da sie es in der Regel nicht mit Gott und König, sondern Hinz und Kunz zu tun haben. Ein starkes Beeinflussungsinteresse ist nicht so recht vorhanden. Erst einmal müssen die Dienstleister eine Macht vor sich vorstellen, um sich ihr anbiedern zu können.
Schmeichelei soll den Kunden dazu bewegen, sich mächtig vorzukommen. Am weitesten verbreitet ist die Praxis, ihm durch intensive Befragung jedes Begehr aus der Nase zu ziehen. Der Kunde soll sich als etwas Besonderes empfinden, mit ganz individuellen Sonderwünschen und Eitelkeiten. Die Fragen täuschen sogar vor, dem Kunden die Mühe zu ersparen, selber eine Extrawurst auszudenken. Das hat auch den Vorteil, daß die Verkäuferin ihre eigenen Extrawürste anbieten kann.
Ob in einem Kleidungsgeschäft, bei einer Bank, einem Internetprovider oder Fastfoodladen, heutzutage ist diesem Individualitätsterror kaum zu entkommen. Ich bestelle einen Hamburger und eine Cola. Möchte ich eine Extrascheibe Käse oder Bacon auf dem Hamburger? Möchte ich vielleicht das Sparmenü - es kostet fast dasselbe und da sind Fritten dabei? Möchte ich ein Getränk dazu? Möchte ich eine Apfeltasche als Nachtisch? Wäre das zum Mitnehmen oder hier Essen? Fast food ist nicht mehr besonders schnell.
Wenn ich das Verhör mit der eigenen Frage unterbreche, ob ich nicht etwas zu essen kaufen kann, ohne Fragen zu beantworten - da fühlt sich die Verkäuferin beleidigt, und belehrt mich, daß sie es nur gut mit mir gemeint hat. Da hat sie sich soviel Mühe gegeben, meine ureigenen Vorlieben herauszufinden - und ich zeige mich undankbar, wie ein störrisches Kind.
Die Individualitätsterroristin will nur mein Bestes. Sie will herausfinden, was in mir steckt, denn das, was ich bin, ist bestimmt zu wenig - bei alledem, was sie mit mir anfangen könnte! Wenige Verkäuferinnen, viele kleine Könige - ein Kindergarten der Umsatzhoffnung.
Für die spätmittelalterlichen Philosophen wurde Gott nach und nach undenkbar. Ab der Aufklärung konnte er für unnötig gelten, nachdem sich die Menschen daran gewöhnt haben, Schöpfer ihrer selbst zu sein. Wir sind kleine Götter, die von Werbeengeln immer individueller, immer kleiner gepriesen werden - klein und verhätschelt, wie am Anfang von jedermanns Schöpfung.
Die Luft ist schwer zu atmen, obwohl die ganze Götterwelt unter uns ist. Vielleicht ist das aber gerade das Problem:
Sie konnten das entscheidend Göttliche gar nicht weit genug von sich entfernt denken, die ganze Götterwelt war nur ein Mittel, das Entscheidende sich vom irdischen Leibe zu halten, Luft zum menschlichen Atmen zu haben.
Kafka an Max Brod, 7. August 1920 [zitiert am Anfang von Blumenberg, Arbeit am Mythos].